"Generationenfreundliches Einkaufen": Ein Win-Win-Projekt für alle Generationen

Dr. Hans Jürgen Fahn im Interview

Interview mit dem generationenpolitischen Sprecher der FREIEN WÄHLER, Dr. Hans Jürgen Fahn, auf der Medienbühne der Mainfrankenmesse zum Thema „generationenfreundliches Einkaufen“.

Herr Dr. Fahn, worum geht es beim Projekt „generationenfreundliches Einkaufen“?

Fahn: Das Konzept ist ganz einfach zu erklären: Es geht darum, den alltäglichen Einkauf für alle Menschen unbeschwert und barrierefrei möglich zu machen, ganz gleich, ob für Eltern mit Kinderwagen, Senioren, oder Behinderte im Rollstuhl. Kriterien des dafür entwickelten Maßnahmenkatalogs sind zum Beispiel: geringe Regalhöhen, breitere und besser ausgeleuchtete Gänge, Ruhezonen, Leselupen an den Regalen, Wickelräume, Einkaufswägen mit Sitzgelegenheiten, ebenerdige Zugänge, gut lesbare Preise, kostenloser Heimfahrservice, eine Anlaufstelle im Geschäft für Fragen, etc. Die eigentliche Zielgruppe sind also nicht nur Senioren, sondern auch Familien und Behinderte - tatsächlich profitieren aber alle Verbraucher davon.

Generationenfreundliches Einkaufen bedeutet aber auch, dass die Nahversorgung mit Gütern des täglichen Bedarfs gesichert wird. In der heutigen Zeit müssen viele „Tante Emma Läden“ zugunsten von großen Einzelhandelszentren auf der grünen Wiese schließen. Dies ist gerade für ältere Menschen ein großes Problem, da sie weniger mobil sind. Bei der Sicherung der Nahversorgung sollen deshalb die kleinen Dorfläden mehr an Bedeutung gewinnen, um vorhandene Versorgungslücken zu schließen.

Insgesamt  aber haben generationenfreundliche Geschäfte nicht nur für die Kunden Vorteile. Auch die Geschäfte selbst gewinnen durch die Zertifizierung neue Kunden und können mit diesem Konzept werben. Und auch die Kommunen profitieren von diesem Werbeeffekt. Stichwort „weiche Standortfaktoren“: ein Vorreiter ist hier die Stadt Neuburg an der Donau, in der sich bereits der Großteil der Geschäfte umgestellt hat. Generationenfreundliches Einkaufen ist hier mit großem Erfolg ein fester Bestandteil des Stadtmarketings. Das Ganze ist also ein „Win-Win-Projekt“!

 

Wie fing alles an? Warum machen die FREIEN WÄHLER mit?

Fahn: Bereits im Jahre 2006 habe ich einen Artikel über die Idee des generationenfreundlichen Einkaufens gelesen, in dem auch ein kleiner Laden in der Gemeinde Bergtheim (Landkreis Würzburg) beschrieben wurde, der viele Anforderungen bereits umgesetzt hatte. Dies habe ich mir vor Ort angesehen und dann einen Supermarkt im Landkreis Miltenberg gefunden, der sich bereit erklärte, die Maßnahmen ebenfalls umzusetzen. Der Einzelhandelsverband in Deutschland und Bayern startete offiziell im März 2010 mit einer Zertifizierung der Geschäfte. In Bayern sind mittlerweile rund 200 Geschäfte zertifiziert, in Unterfranken sind es knapp 40.

Der ländliche Raum ist ein ureigenes Thema der FREIEN WÄHLER. Um ein weiteres Ausbluten dieser Regionen zu verhindern, bedarf es einer gut ausgebauten Infrastruktur – die von dem Projekt geförderte Nahversorgung mit Lebensmitteln ist hier hinzuzuzählen. Wir haben deshalb im Vorfeld 500 Bürgermeister direkt angeschrieben und viele positive Rückmeldungen erhalten. Hier unterstützen wir den Einzelhandelsverband und tragen dazu bei, dass diese Idee des generationsfreundlichen Einkaufens stärker verbreitet wird. Wir haben uns sehr gefreut, dass die Landesseniorenvertretung (der Dachverband aller Seniorenbeiräte in Bayern) sofort ihre Unterstützung zugesagt hat. Inzwischen haben wir schon verschiedene Veranstaltungen durchgeführt, bei denen das Projekt vorgestellt wurde -  zum Beispiel im Landkreis Starnberg und im Landkreis Aschaffenburg. In Kürze findet auch in Würzburg (Stadt und Landkreis) ein entsprechender Infoabend statt.

 

Wie läuft die Zertifizierung ab?

Fahn: Hierzu wird ein sogenanntes ehrenamtliches Testteam eingesetzt, das aus vorher entsprechend geschulten Personen besteht. Diese gehen vor Ort in das entsprechende Geschäft und prüfen anhand von 58 Testfragen, inwieweit die Kriterien für ein generationenfreundliches Einkaufen erfüllt sind. Neben diversen Soll-Kriterien gibt es auch bestimmte "K.O."-Kriterien - beispielsweise das Vorhandensein eines ebenerdigen Zugangs - die zwingend erfüllt werden müssen. Sind diese nicht verwirklicht, dann kann das Gütezeichen nicht verliehen werden. Nach drei Jahren muss die Zertifizierung wiederholt werden.

 

Wie könnte das Ganze für kleinere Geschäfte in der Region ablaufen?

Fahn: Allein, dass ein Geschäft im Ortskern verbleibt und dadurch die Nahversorgung für weniger mobile Personen sichert, sollte besonders honoriert werden. Andere Kriterien könnten dafür in den Hintergrund rücken. Zudem können einige Punkte ohne großen Aufwand verwirklicht werden, wie etwa die Anlaufstelle für Fragen; Leselupen oder ein möglicher Heimfahrdienst.

Ein Vorschlag wäre auch, dass ein Lieferdienst von Senioren für Senioren eingerichtet wird: Rüstige Senioren liefern in ehrenamtlicher Arbeit Einkäufe an ältere oder gebrechliche Menschen, die nicht selbst einkaufen können – oder sie gründen einen eigenen Lieferservice. Solche Dienstleistungen gibt es bereits in den USA mit gutem Erfolg.

Mich haben schon viele Personen angesprochen und gefragt: Warum gibt es nur generationenfreundliche Zertifikate für Lebensmittelgeschäfte? Generationenfreundlich könnten doch eigentlich alle Geschäfte und Märkte sein, beispielsweise Bau- oder Elektromärkte. Auch hier hat die Stadt Neuburg an der Donau zusammen mit der Stadtmarketing e.V. einen vorbildlichen Weg  eingeschlagen: In Neuburg können nach jeweils verschiedenen Kriterien alle Geschäfte, seien es Bäckereien, Arztpraxen, Rechtsanwaltskanzleien oder Restaurants in puncto Generationenfreundlichkeit geprüft werden.

Es ist noch ein langer Weg zu einer generationenfreundlichen Gesellschaft, aber ein Anfang ist gemacht. Packen wir`s an.