Verlauf der Podiumsdiskussion zur längeren gemeinsamen Schulzeit im Senatssaal des Bayerischen Landtags

Moderatoren der Veranstaltung: Prof. Dr. Michael Piazolo (hochschulpolitischer Sprecher), Günther Felbinger (Mitglied des Bildungsausschusses)
Prof. Dr. Rainer Lehmann, Prof. Dr. Thomas Doyé, MdL Prof. Dr. Michael Piazolo, Werner Honal, Klaus Wenzel, MdL Günther Felbinger

„Längere gemeinsame Schulzeit- der Weg zu mehr Bildungsgerechtigkeit oder bildungspolitische Sackgasse?“, unter dieses Motto hatte der Arbeitskreis Bildung und Wissenschaft  der Landtagsfraktion der Freien Wähler eine Podiumsdiskussion  im Senatssaal des Bayerischen Landtags gestellt. Wie aktuell das seit Jahren diskutierte Thema immer noch ist, zeigte sich schon am hohen Besucheraufkommen. Aus ganz Bayern waren interessierte Bürger gekommen, um die Meinung des hochkarätig besetzten Podiums zu diesem Thema zu hören und im Anschluss dazu auch ausgiebig mit den Fachleuten zu diskutieren.

Moderiert wurde die Veranstaltung von Günther Felbinger, MdL und Mitglied des Bildungsausschusses des Bayerischen Landtags, sowie Prof. Dr. Michael Piazolo, MdL und hochschulpolitischer Sprecher der  Freien Wähler

Hubert Aiwanger, Vorsitzender der Freien Wähler, forderte in seinem Grußwort pragmatische Lösungsansätze in der Bildungspolitik. Ziel der Freien Wähler sei es, gemeinsam mit Bürgern gute Bildungspolitik zu machen und zwar ideologiefrei und an den Bedürfnissen der Kinder ausgerichtet.

Dr. Hans Jürgen Fahn, MdL und Sprecher des Arbeitskreises Bildung und Wissenschaft der Landtagsfraktion der Freien Wähler, sieht in verantwortungsvoller Bildungspolitik die Sozialpolitik des 21. Jahrhunderts: „Für die heutigen Versäumnisse in der Bildung  müssen morgen die Sozialsysteme aufkommen.“ Die Fraktion habe hier bislang die Position vertreten, sich für eine Verbesserung der Rahmenbedingungen im bestehenden System einzusetzen. Eine Strukturdebatte sei derzeit überflüssig.

Prof. Dr. Rainer Lehmann, Erziehungswissenschaftler an der Humboldt Universität in Berlin, verwies auf die von ihm verfasste Element-Studie. Aus dieser Untersuchung  geht hervor, dass Schülerinnen und Schüler, die zur 5. Klasse auf die grundständigen Gymnasien wechseln, höhere Leistungszuwächse erreichen, als Schülerinnen und Schüler, die in den Grundschulen verbleiben: „Wer sechs Jahre Grundschulzeit propagiert, nimmt in Kauf, dass gute Schüler nicht so gute Ergebnisse erzielen, wie sie könnten.“  Andererseits  gäbe es keinerlei empirische Belege, dass eine längere gemeinsame Schulzeit zu mehr Bildungsgerechtigkeit führe. Es sei ebenfalls nicht bewiesen, dass schwächere Schüler von einer längeren gemeinsamen Schulzeit mehr profitieren würden.  Lehmann forderte stattdessen eine wirksame Verbesserung des Unterrichts durch eine verbesserte Lehrerausbildung.

Klaus Wenzel, Vorsitzender des Bayerischen Lehrerinnen- und Lehrer-Verbands (BLLV), gab zu bedenken, dass in einem hochselektiven Schulwesen wie dem bayerischen eine individuelle Förderung der Schüler kaum umgesetzt werden kann. Er führte zudem an, dass die Hirnforschung Belege dafür habe, dass eine Zuordnung der Kinder auf einen bestimmten Schultyp vor der Pubertät mit großen Fehlerquoten behaftet sei. Wenzel betonte, dass eine längere gemeinsame Schulzeit sicher nicht das Allheilmittel sei, vielmehr müssten die Rahmenbedingungen stimmen. Allerdings sei der immense Leistungsdruck, der derzeit in den vierten Klassen herrsche, kinderfeindlich. „Kinder brauchen zum Lernen drei Dinge: erstens Zeit, zweitens Zeit und drittens Zeit“. Wenzel betonte auch, dass das Thema Inklusion ein Überdenken des gesamten Schulsystems erfordere. „Es ist ein Widerspruch in sich, behinderte Kinder zu inkludieren und gleichzeitig neun- bis zehnjährige zu selektieren.“ Wenzel forderte angesichts massiv gestiegener Übertrittsquoten auf das Gymnasium auch eine Reform dieser Schulart, damit sie wieder leistungsfähig wird.

Werner Honal, Ehrenvorsitzender des Bayerischen Philologenverbandes (bpv),  warnte davor, dass eine längere gemeinsame Grundschulzeit Gymnasium und Realschule ruinieren würde. Er verwies auf das Volksbegehren in Hamburg, wo die Mehrheit der Eltern gegen eine Umstrukturierung des Schulsystems gestimmt habe und warnte gleichzeitig vor einer längeren gemeinsamen Schulzeit als Vehikel einer Einheitsschule. Honal betonte, man müsse das Bildungssystem ganzheitlich sehen, in Deutschland habe sich das duale Bildungssystem sehr bewährt. Er forderte deshalb, dass die Grundschullehrer das berufliche Bildungssystem mehr wertschätzen sollten und sich bewusst machen sollten, welche Möglichkeiten berufliche Schulen bieten. Die alleinige Fixierung auf Gymnasium und Hochschule ist seiner Meinung nach falsch. Honal forderte außerdem eine stärkere Elternbildung, um die Übertrittsempfehlung mit den Eltern gemeinsam partnerschaftlich umzusetzen. Wichtig sei neben einer früheren und stärkeren Förderung der Kinder deshalb auch ein Elterntraining und die stärkere Einbeziehung der Eltern in das Schulgeschehen.

Thomas Doyé, Vizepräsident der Hochschule für Angewandte Wissenschaften Ingolstadt, ergänzte die Diskussion aus externer, wirtschaftswissenschaftlicher Sicht. Aufgrund regionaler Studien, an denen er mitgearbeitet hat, stellte er fest: „Unsere Bildungswege sind vor allem für Migranten und bildungsferne Schichten verstopft.“ Doyé forderte in diesem Zusammenhang, wesentlich früher mit der Förderung zu beginnen, also nicht erst mit dem Schuleintritt, sondern bereits in der frühkindlichen Erziehung.

Die anschließende Diskussion mit dem Publikum gab noch einmal Gelegenheit, einzelne Aspekte genauer zu beleuchten und auch die unterschiedlichen Standpunkte innerhalb des Publikums zur Sprache zu bringen. Die Mehrheit der Teilnehmer war sich dabei einig, dass der Übertrittsdruck in der vierten Klasse derzeit von  vielen Kindern und Eltern als massiv belastend empfunden wird, dass das Problem aber durch eine längere gemeinsame Schulzeit nicht wirklich gelöst wird. In vielen Wortbeiträgen forderten die Gesprächsteilnehmer eine Verbesserung der Rahmenbedingungen anstelle einer Schulstrukturdebatte. Dabei wurde kritisch angemerkt, dass eine Selektion angesichts des demographisch bewirkten Schülerrückgangs zu einer zunehmenden Zentralisierung von Schulen führt. Als weiteres Problem wurden eine nicht ausreichende Lehrerbildung und mangelnde Ausstattung der staatlichen Schulen angeführt, die viele Eltern veranlasst, sich für Privatschulen zu entscheiden. Als mögliche Lösungsansätze nannten die Diskussionsteilnehmer die Ausweitung einer gemeinsamen Lernzeit nach unten, etwa im Sinne eines kostenfreien, aber verpflichtenden Vorschuljahres. Wichtig sei auch, frühkindliche, schulische und nachschulische Bildung endlich in eine Zuständigkeit zu geben und nicht wie im bisherigen System zwischen Sozialministerium und Kultusministerium zu trennen.

Das Schlusswort und einen Ausblick übernahm Eva Gottstein, bildungspolitische Sprecherin der Freie Wähler Landtagsfraktion:  Mit dieser Podiumsdiskussion habe die Fraktion ihr Versprechen, das sie auf der Landesdelegiertenversammlung gegeben habe, nämlich Sachinformationen zu einer schwierigen Fragestellung zu liefern, eingelöst. Bildungsdiskussionen würden in der breiten Öffentlichkeit häufig ohne fundierte Sachkenntnisse geführt, diese seien aber angesichts des komplexen Themas unverzichtbar. Mit der Veranstaltung sei es gelungen, hochkarätige Teilnehmer zu gewinnen, die das Thema von mehreren Seiten her beleuchtet hätten. Anstelle von ideologiebeladenen Debatten fordern die Freien Wähler umsetzbare, realistische Lösungen.  Bildungserfolg ist nach Gottstein  von fünf Faktoren abhängig: Der Unterrichtsqualität, die von der Lehrerausbildung und  –motivation geprägt wird, der Klassengröße, einer stärkeren Selbständigkeit der einzelnen Schule, einer kindgerechten Schule - im Hinblick auf Gebäude und Unterrichtszeit - und einer anderen Form von Elternarbeit. Gottstein forderte im Hinblick auf veränderte Anforderungen an Wissen mehr Lebenskompetenz statt Prüfungskompetenz. Schule müsse vom „Häppchenwissen“ wegkommen und stattdessen Kompetenzen vermitteln. Dies sei nur durch eine gebundene Ganztagsschule zu gewährleisten. Die Freien Wähler setzen sich daher für einen stärkeren Ausbau der gebundenen Ganztagsschule ein.