Abi 2011 – ein sorgenfreier Blick in die Zukunft? Freie Wähler sehen noch immer Handlungsbedarf

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Freie Wähler gehen von 50.000  Studienanfängern aus und fordern eine Umfrage über die Studienabsichten der künftigen Abiturienten

München (do). Im kommenden Jahr werden die letzten Absolventen des neunjährigen Gymnasiums und der erste Jahrgang des achtjährigen Gymnasiums nahezu zeitgleich die Abiturprüfungen ablegen. Die Maßnahmen zur Bewältigung des Doppelten Abiturjahrgangs sind bereits angelaufen, erscheinen vielfach jedoch unzureichend. So fehlen Mitte 2010 – weniger als ein Jahr vor den Abiturprüfungen des Doppelten Abiturjahrgangs – an den bayerischen Hochschulen noch immer Studienplätze und Personal, um die vom Ministerium prognostizierten rund 70.000 Studierenden in den Jahren 2011 und 2012 aufzufangen. Die Zeit zwischen Abiturprüfungen und Beginn des Sommersemesters beträgt nur zwei Wochen, es fehlt ganz offenbar an Wohnheimplätzen und einer ausreichenden Betreuung durch die Studentenwerke.

Was also tun, wenn die Zeit bereits drängt? Kann angesichts der hohen Schülerabgangszahlen im kommenden Jahr überhaupt noch schnell genug reagiert werden? Wo liegen die größten Herausfor­de­rungen und welche Chancen bietet ein Doppelter Abiturjahrgang? Zu diesen Fragen hatte die Freie Wähler Landtagsfraktion am Montagnachmittag fachkundige Referentinnen und Referenten sowie ein interessiertes Publikum ins Maximilianeum eingeladen.

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Dr. Hans Jürgen Fahn, MdL der Freien Wähler und Sprecher des Arbeitskreises Bildung & Wissenschaft betonte in seinem Eingangsreferat, der Doppelte Abiturjahrgang werde im Jahr 2011 zu einer erheblichen Verschlechterung der Studienbedingungen im Freistaat führen. So müsse nicht nur mit einem großen Ansturm der Schülerinnen und Schüler auf die Hochschulen selbst gerechnet werden. Auch auf deren Unterbringung, etwa in zusätzlichen Studentenheimen, habe sich die Staatsregierung nicht ausreichend vorbereitet. Anders als die Staatsregierung gehen die Freien Wähler von mindestens 50.000 neuen Studienplätzen aus, die in den Jahren 2011 und 2012 geschaffen und vor allem auch finanziert  werden müssen. „Wir können es uns nicht leisten, dass in den nächsten Jahren Studenten einfach auf der Straße stehen müssen.“  Dies gelte insbesondere auch für die harten NC-Fächer wie zum Beispiel Medizin. „Hier müssen dringend mehr Studien- bzw. Praktikumsplätze geschaffen werden.“ Auch der erhöhte Bedarf an Lehrpersonal, der von der Staatsregierung mit 3.000 zusätzlichen Stellen gedeckt werden soll, sei noch lange nicht „in trockenen Tüchern“. So seien bisher weniger als 50 Prozent dieser Stellen besetzt.

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Adolf Schicker, Leitender Ministerialrat im Bayerischen Wissenschafts­ministe­rium, beurteilte in seinem Impulsreferat die mit dem Doppelten Abiturjahrgang einhergehenden Probleme nicht als besonders dramatisch: „Zwar stellt uns der doppelte Jahrgang vor gewichtige Aufgaben, zumal wir nie genau wissen können, wie sich die Studierendenzahlen in den nächsten Jahren exakt entwickeln - wir müssen uns stets auf Prognosen verlassen. Diese zeigen jedoch, dass wir im kommenden Jahr an den bayerischen Hochschulen voraussichtlich einen Ansturm von 31.000 zusätzlichen Schülern zu bewältigen haben werden. Es ist allerdings auch zu berücksichtigen, dass nur etwas mehr als die Hälfte der Schüler eines Jahrgangs ihr Studium direkt zum sich daran anschließenden Wintersemester aufnimmt. Wegen des Wehrdienstes oder auch eines Freiwilligen Sozialen Jahres ergeben sich oft verzögerte Szenarien für die Aufnahme eines Hochschulstudiums.“ Das entspanne die Lage für 2011 doch erheblich, denn erst nach fünf Jahren könne man davon sprechen, dass die große Masse der Schüler sich für oder gegen ein Studium entschieden habe. Außerdem zeige seine Erfahrung, dass bei aller präzisen Planung stets auch eine gewisse Möglichkeit der Nachsteuerung für die Studienplatz­ent­wicklung in Bayern erhalten bleiben müsse, um auf kurzfristige Trends – z.B. einen „Run“ auf besonders beliebte Fächer - flexibel eingehen zu können.

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Rita Bovenz, Bezirksvorsitzende Oberbayern des Bayerischen Philologen­verbandes, sagte, ihre Organisation rechne für die Jahre 2011/2012 mit mindestens 73.000 Studienanfängern im Freistaat – das seien knapp 3.000 Studierende mehr als die Staatsregierung prognostiziere. Dennoch stehe Bayern im nationalen Wettbewerb „noch ganz gut da. Kritisch betrachte ich Änderungen durch verzögernde Rahmenbedingungen wie z.B. die Dauer des derzeit hoch umstrittenen Wehrdienstes und das mangelnde Raumangebot an Bayerischen Hochschulen.“ Deswegen schlage der Bayerische Philologenverband vor, die Verfahren der Studienplatz­vergabe dringend zu optimieren und dafür zusätzliche Informationskanäle für junge Menschen zu schaffen. Steigende Studierendenzahlen müssen eine höhere Personalausstattung zur Folge haben; dieser zusätzliche Personalbedarf ergibt sich auch aus modularisierten, individualisierten Studiengängen. Wir wünschen uns seitens der Staatsregierung, dass mehr Abiturienten nach ihren Studienabsichten befragt werden. Entscheidend zur Lösung der sich abzeichnenden Probleme erscheint uns jedoch, qualifiziertes Lehrpersonal an Gymnasien und Hochschulen gemeinsam zu nutzen und Gymnasialkräfte gezielt in den Hochschuldienst zu entsenden.“ Dies, so Bovenz, ergebe eine echte Win-Win-Perspektive, über die zu diskutieren es sich lohne.

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Thomas Lillig von der Landes-Eltern-Vereinigung der Gymnasien in Bayern sagte, die Frage, welche Studienplätze Bayern genau benötige, sei „eine Wackelnummer. 2011 müssen 50.000 Studienplätze mehr vorhanden sein – Punkt! Wir brauchen auch eine deutliche Verstärkung des Studienplatzangebotes für harte NC-Fächer.“ Allein der Mangel in der ärztlichen Versorgung für Menschen im strukturschwachen ländlichen Raum habe gezeigt, wie existenziell sich der Mangel an qualifizierten Hochschulabgängern auf Wirtschaft und Gesellschaft auswirkte, so Lillig. „Zu wenig Plätze in Studentenwohnheimen, zu wenig Mensaplätze und Bibliotheksangebote an bayerischen Hochschulen zeigen: der Freistaat Bayern muss seine Ausbildungsanstrengungen deutlich erhöhen. Dazu gehört für uns auch eine Verdoppelung der Ausbildungskapazitäten im gehobenen und höheren Dienst des öffentlichen Dienstes.“ Der mögliche Wegfall der Wehrpflicht könne im Gegensatz zur Einschätzung des Bayerischen Wissenschaftsministeriums zu einer drastischen Vergrößerung der Probleme führen, so Lillig weiter. „Der Doppelte Abiturjahrgang bietet uns die einmalige Chance, den Mangel an hochqualifiziertem wissenschaftlichem Personal auf einen Schlag zu beheben. Deswegen sollte Bayern sich nicht für das Landesbank-Desaster kaputtsparen, sondern in Bildung mit wirklich viel frischem Geld investieren.“

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Julian Esselborn, Student und Vorsitzender der Fachschaftsvertretung der Technischen Universität München, beruhigte die anwesenden Schüler und Eltern. Natürlich herrsche gewisse Planungsunsicherheit, da niemand wissen könne, wie sich die Studierenden exakt auf die einzelnen Studiengänge verteilen und es werde eindeutig zu Platzmangel kommen, vor allem in Wohnheimen und den Sozialversorgungsstellen. Dennoch müsse man abwarten, wie sich das Ganze entwickele und optimistisch sein:  „Wir werden wegen des Doppelten Abiturjahrgangs an der TU München nicht von heute auf morgen aus allen Nähten platzen und daher auch keine Vorlesungen in Fußballstadien erleben. Ich hoffe allerdings inständig, dass besonders die Mittel für unsere Bibliotheken deutlich aufgestockt werden. Außerdem tun mir Schüler leid, die nur zwei Wochen nach ihrer Abiturprüfung bereits zum Sommersemester das Studium aufnehmen müssen.“ Dies bedeute schon jetzt einen enormen Druck und Stress für die Abiturienten des kommenden Jahres.

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Melanie Tropp von der Vereinigung der Bayerischen Wirtschaft e.V.: „Die bayerische Wirtschaft betrachtet den Doppelten Abiturjahrgang nicht nur als Problem. Ob er allerdings den Fachkräftemangel auf einen Schlag beheben wird, wie von anderen Diskussionsteilnehmern angedeutet, wage ich zu bezweifeln. Unserer Wirtschaft werden bald ca. 520.000 Fachkräfte fehlen. Wir wollen deswegen gerade die Schülerinnen und Schüler abholen, die sich zunächst für eine Lehre entscheiden – sie möchten wir an die Unternehmen binden. Wer studieren möchte, dem empfehlen wir die sogenannten MINT-Fächer, also Mathematik, Informatik, Naturwissenschaften und Technik; das sind aus unserer Sicht die Studiengänge mit dem größten Zukunftspotential auf dem Arbeitsmarkt. Wir machen uns allerdings auch nichts vor:  2008 hatten wir einen Rückgang um mehr als 13.000 Bewerber, im Jahr 2009 immer noch von mehr als 12.000 Bewerbern. Das wurde bisher von der Weltfinanzkrise aufgefangen. Wir werden jedoch schon bald in eine Mangelsituation geraten, in der unsere Unternehmen einfach nicht mehr genügend Bewerber für unsere Ausbildungsplätze rekrutieren können. Dieses Problem bereitet uns große Sorge. Ein guter Weg für junge Menschen, sich bei Unternehmen vorzustellen und ihr Können zu zeigen, ist dagegen ein mehrwöchiges Praktikum. Deswegen haben wir das Onlineportal www.sprungbrett-bayern.de geschaffen, bei dem sich junge Menschen zentral über Praktikumsmöglichkeiten informieren und direkt bei unseren Mitgliedsunternehmen bewerben können.“

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Prof. Dr. Michael Piazolo, hochschulpolitischer Sprecher und stellvertretender Fraktionsvorsitzender der Freien Wähler, fasste die Ergebnisse der Diskussion zusammen. Er erwarte angesichts der Diskussionen um das Sparpaket der Bundesregierung zwar nicht die „sofortige Abschaffung der Wehrpflicht, aber durchaus eine zeitnahe Aussetzung derselben – mit dramatischen Folgen für die Zukunfts- und Studienplanungen junger Menschen, die in einem solchen Szenario entsprechend früher an die Hochschulen drängen. Und das in einer Situation, in der wir zunächst einen Lehrermangel auffangen müssen, der wegen des harten Sparkurses der Stoiber-Regierung in der Bildungspolitik seit dem Jahr 2002 geschaffen wurde. Vor diesem Hintergrund ist klar, dass wir die Personalstärken an bayerischen Schulen und Hochschulen deutlich erhöhen müssen, um die Ausbildungsqualität im Freistaat zu verbessern – eine Investition, die sich rasch auszahlen wird.“

Als Sofortmaßnahme forderten die Freien Wähler eine Umfrage über die Studienabsichten der zukünftigen Studenten; dies schaffe Planungssicherheit für Politik und Hochschulen und könne die Unsicherheit der betroffenen Eltern und Schüler abmildern. Bedauerlicherweise habe sich das Wissenschaftsministerium dieser Forderung bisher noch nicht angeschlossen. Gleiches gelte für die seit über einem Jahr von den Freien Wählern geforderte „Koordinierungsstelle Doppelter Abiturjahrgang“. Diese könne als Anlaufstelle für die ersten G8 und die letzten G9 Abiturienten fungieren, die Hochschulen beraten und unterstützen sowie Praktika in Unternehmen und anderen Einrichtungen im In- und Ausland vermitteln. So könnten schon jetzt absehbare Managementfehler bei der Bewältigung des Doppelten Abiturjahrgangs vermieden und zudem die mangelnde Vernetzung zwischen Wissenschafts- und Kultusministerium ausgeglichen werden, so Piazolo in seinem Schlussstatement.